In einer von Krisen geprägten Welt geraten Produktionssysteme und Lieferketten immer stärker unter Druck – auch hier in Deutschland. Dabei erweist sich die Tierindustrie als besonders anfällig. Stärker pflanzenbasierte Ernährungssysteme ermöglichen hingegen eine höhere Selbstversorgung, sparen Ressourcen ein und schaffen so mehr Ernährungssicherheit in Krisen. Daneben gibt es weitere sinnvolle Maßnahmen, um die Versorgung mit Lebensmitteln sozial gerechter und widerstandsfähiger zu machen.
Geopolitische Dynamiken, Extremwetter, Pandemien und weitere Einflussfaktoren können Versorgungsketten gefährden und auch in wohlhabenden Gesellschaften dazu führen, dass Lebensmittel knapper und teurer werden – mit hohen Risiken insbesondere für armutsbetroffene Menschen. Der eskalierende Klimawandel wird dabei immer noch nicht in dem Maße ernst genommen, wie es den tatsächlichen Gefahren angemessen wäre.
Handelskonflikte und Kriege können massive Folgen für die Versorgung mit Lebensmitteln haben. Bereits der russische Angriff auf die Ukraine hat weltweit die Ernährungssysteme erschüttert: Russland und die Ukraine sind wichtige Getreideproduzenten und sowohl der Anbau als auch die Exportwege waren zeitweise eingeschränkt. Hinzu kamen im Zuge des Krieges auf den globalen Märkten erhebliche Absicherungs- und Spekulationsgeschäfte, die zu Preissteigerungen führten. Zusätzlich stiegen die Preise für fossile Energie und Düngemittel, weil Exporte aus Russland reduziert wurden. Auch in Deutschland trugen diese Dynamiken dazu bei, dass Lebensmittel teurer wurden.
Im Frühjahr 2026 führt der Iran-Konflikt dazu, dass die Preise von Öl, Gas und Düngemittel deutlich ansteigen. Die Lebensmittelwirtschaft spürt das auf mehreren Wegen: Die meisten Landmaschinen fahren mit Diesel, viele Verarbeitungsbetriebe wie Molkereien arbeiten mit Erdgas. Besonders bedrohlich ist die Teuerung und mögliche Knappheit beim Stickstoffdünger, der eine zentrale Grundlage der aktuellen Landwirtschaft ist. Deutsche Agrarverbände warnen entsprechend vor einem Preisschock im Supermarkt.
Bisweilen wird behauptet, die Tierhaltung stelle für das Düngerproblem eine Lösung dar, da sie Stickstoffdünger in Form von Gülle liefert. Tatsächlich ist das ein Mythos: In Wahrheit verschärft die Tierhaltung zumindest im aktuellen Ausmaß das Problem. Denn für den Anbau der Futtermittel für die Tiere wird insgesamt mehr Dünger benötigt, als nachher abfällt. In der Bilanz braucht die Erzeugung von Tierprodukten mehr externen Dünger als die Erzeugung pflanzlicher Nahrungsmittel.
… auf Importe angewiesen: Bei Gemüse und Obst liegt der Selbstversorgungsgrad nur bei 40 bzw. 18 Prozent.
Was der offizielle Wert aber nicht erfasst, sind die benötigten Vorleistungen: Wir können nur so viel Fleisch produzieren, weil wir große Mengen Proteinfutter importieren – dort liegt der Selbstversorgungsgrad nur bei 30 Prozent, d. h. mehr als die Hälfte wird importiert, vor allem Soja aus Süd- und Nordamerika („Eiweißlücke“).
Auch bei Düngemitteln und fossiler Energie ist das jetzige Ernährungssystem auf Importe angewiesen. Dadurch entstehen Abhängigkeiten vom Weltmarkt: Störungen globaler Lieferketten können sich hier durch Knappheiten und Preissteigerungen bemerkbar machen.
Aber wir sind ebenso bei den Gütern, die wir ausreichend selbst produzieren, in den Weltmarkt eingebunden: Gibt es große Ernteausfällen bei Weizen in wichtigen Anbaugebieten (sog. „Kornkammern“), würden hier die Preise steigen.
Internationale Handelsbeziehungen schaffen über komplexe Lieferketten Unsicherheit. Sie schützen aber zugleich vor Versorgungsengpässen, weil nationale Knappheiten ausgeglichen werden können. Expert*innen empfehlen daher, die Ernährungssicherheit nicht nur auf die Frage der Selbstversorgung zu verengen. Gerade ein stabiler EU-Binnenmarkt stärkt die Ernährungssicherheit.
Um den Selbstversorgungsgrad in Deutschland und Europa zu erhöhen, müssen die Vorleistungen mit einbezogen werden. Ein zentraler Hebel, um insbesondere den Bedarf an importiertem Dünger und Proteinfutter zu reduzieren und insgesamt die Selbstversorgung zu erhöhen, ist eine Ernährungswende hin stärker pflanzenbasierten Ernährungsweisen.
Die Klimakrise verändert die Bedingungen für den Pflanzenbau weltweit. Extremwetter wie Dürren, Hitzewellen oder Starkregen können zu Ernteausfällen führen. Besonders groß ist der Schaden, wenn mehrere Kornkammern der Welt – wichtige Anbaugebiete für Getreide und Soja – zugleich betroffen sind. Die Häufigkeit solcher „multiple breadbasket failures“ wird zunehmen: Einer Studie zufolge führt eine Erderwärmung von zwei Grad bereits dazu, dass man im Fall von Mais alle zwei Jahre mit solchen Ausfällen rechnen muss.
In Zukunft werden sogar immer mehr Flächen gar nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar sein – wir könnten bei ungebremstem Klimawandel ein Drittel der jetzigen Anbaugebiete verlieren.
In Deutschland könnte der Ackerbau in einigen Regionen zwar von höheren Temperaturen auch profitieren. Aber die zunehmende Unzuverlässigkeit von Temperaturen und Niederschlag erschwert überall die Bewirtschaftung.
Die Tierhaltung braucht zum einen stabile Erträge von Futterpflanzen sowohl aus heimischer Produktion als auch über globale Lieferketten. In den USA zum Beispiel sind die Rinderbestände in den letzten Jahren auf einen historischen Tiefstand gefallen – als Ursache werden Trockenheit und hohe Futterpreise gesehen.
Zum anderen gefährden Wetterextreme die Tiere selbst und führen zu Leid, Tod und wirtschaftlichen Einbußen: In Australien wurden zum Beispiel Anfang 2025 durch Hochwasser über 140.000 Rinder, Schafe und Ziegen getötet. Weitere Beispiele findet man in einer Untersuchung der Organisation Compassion in World Farming. Bei elf ausgewählten Wetterextremen in den letzten Jahren kamen demnach in verschiedenen Ländern fast 15 Millionen landwirtschaftlich genutzte Tiere um.
In Anbetracht der gesamten Tierhaltung ist das zwar eine vergleichsweise geringe Zahl. Sie repräsentiert aber der Analyse zufolge nur einen Bruchteil der betroffenen Tiere. Da Extremwetterereignisse sich seit 1970 bereits verdoppelt haben, rechnet die Untersuchung mit künftig deutlich zunehmenden Schäden.
Hinzu kommt, dass viele Tiere empfindlich auf hohe Temperaturen reagieren: Hitzestress führt bei Milchkühen zu spürbaren „Leistungseinbußen“ – auch in Deutschland kommen daher zunehmend Kühlungsmaßnahmen wie Ventilatoren und Beregnung zum Einsatz, was Kosten und Energieabhängigkeit erhöht. Auch andere Tierarten sind betroffen: Schweine nehmen zum Beispiel bei Hitze langsamer zu, Legehennen legen weniger Eier.
Weitere Einflussfaktoren können dazu führen, dass Lieferketten unterbrochen werden oder Versorgungsstrukturen ausfallen. Pandemien wie Covid-19 können Arbeitskräftemangel, Logistikprobleme und zeitweilige Schließungen von Betrieben verursachen. In Deutschland waren hier zuletzt vor allem Schlachthöfe, aber auch Gemüsebetriebe betroffen.
Ein spezifisches Risiko für die Tierhaltung sind Tierseuchen, die immer wieder dazu führen, dass in kurzer Zeit große Zahlen von Tieren getötet und Handelswege eingeschränkt werden. Die Situation kann sich durch neue Krankheitserreger noch deutlich verschärfen.
Wenn die Erzeugung von Nahrungsmitteln in verschiedenen Regionen schwieriger und teurer wird, führt das in wohlhabenden Ländern wie Deutschland nicht automatisch zu leeren Supermarktregalen. Es kann sich aber spürbar auf die Preise von Lebensmitteln auswirken und damit – bei fehlenden Gegenmaßnahmen – besonders armutsbetroffene Menschen schädigen.
In Deutschland stammt insbesondere bei Gemüse und Obst, wovon wir für eine gesunde Ernährung noch mehr essen sollten, mehr als die Hälfte aus dem Ausland – und dabei insbesondere aus dem Mittelmeerraum, der zunehmend von Dürre und Wüstenbildung bedroht ist.
Schon in den letzten Jahren war auch der Klimawandel für einen Teil der Inflation bei Lebensmitteln verantwortlich – man spricht hier von „Climateflation“. Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) prognostiziert, dass durch den Klimawandel in reichen wie in armen Ländern die Preise für Lebensmittel in Zukunft spürbar weiter steigen werden. Andere Faktoren wie Kriege, Seuchen und Spekulationsgeschäfte auf den Agrarmärkten verschärfen diese Problematik.
Insbesondere in einer Situation, in der Einkommen und Vermögen in der Bevölkerung so ungleich verteilt sind, wie es in Deutschland aktuell der Fall ist, entstehen dadurch massive Risiken, die letztlich die Stabilität der Demokratie und der Gesellschaft insgesamt gefährden können.
Ernährungssicherheit hängt auch von stabilen Infrastrukturen und Versorgungssystemen vor Ort ab. Lokale oder regionale Stromausfälle, Hochwasser oder Störungen in der Wasserversorgung können Produktion, Verarbeitung, Lagerung und Handel insgesamt beeinträchtigen – von Mühlen und Schlachthöfen über Bäckereien bis hin zum Einzelhandel. Werden Transportwege unterbrochen, kommt es schnell zu Lieferengpässen.
Besonders verletzlich ist auch in solchen Situationen die Tierhaltung. Untersuchungen des Thünen-Instituts zeigen, dass bei länger andauernden Stromausfällen mehr als die Hälfte der Geflügel- und Schweinebetriebe nur etwa eine Woche mit Notstromaggregaten überbrücken könnten; danach wäre der Betrieb kaum aufrechtzuerhalten, Tiere würden verenden. Zugleich beziehen über die Hälfte der tierhaltenden Betriebe ihr Wasser aus dem öffentlichen Netz – fällt dieses aus, ist die Versorgung der Tiere unmittelbar gefährdet.
Immer mehr Stimmen weisen auf die Gefahr hin, dass das globale Ernährungssystem in den nächsten Jahren großflächig zusammenbrechen könnte – mit fatalen Folgen wie großen Hungersnöten oder gar dem Ende komplexer demokratischer Gesellschaften.
… ein Netzwerk komplexer Abhängigkeiten und krisen-empfindliche Angelpunkte wie die Straße von Hormuz, wo Engpässe weitreichende Schocks auslösen können. Der britische Sachbuchautor George Monbiot warnt daher: Das globale Ernährungssystem sei so anfällig wie das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch in 2008.
Der andere Grund, Kollapsszenarien zu befürchten, ergibt sich aus dem eskalierenden Klimawandel: Weil die Erde immer heißer wird, treten Extremwetter und „Naturkatastrophen“ immer häufiger auf. Diese treffen, wie auf dieser Seite dargestellt, zum einen die Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln. Zum anderen setzen sie aber gesellschaftliche Infrastrukturen und Sicherheitssysteme insgesamt unter Druck – und können entsprechend dominoartige Zusammenbrüche auslösen. Eine in verschiedenen Ländern wachsende „Kollapsbewegung“ hält ein Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen, daher für unausweichlich.
Die Maßnahmen für mehr Ernährungssicherheit, die wir unten auf dieser Seite skizzieren, sind auch im Hinblick auf solche Kollapsrisiken sinnvoll: Sie können die Resilienz des Systems erhöhen und die Versorgung in Katastrophen verbessern. Aber sie erfordern staatliche Reformen, die schwer zu erreichen sind und womöglich zu spät kommen. Entsprechend scheint es sinnvoll, in eine Vorbereitung „von unten“ zu investieren, die auch mit dem Begriff „solidarisches Preppen“ beschrieben wird: Dazu gehört zum Beispiel: mehr Nahrung in Privatgärten und Gemeinschaftsprojekten zu erzeugen, mehr Menschen dazu zu befähigen, dafür Wissen, Fähigkeiten, Werkzeuge und Saatgut zu teilen, lokale Versorgungsnetzwerke aufzubauen und vieles mehr.
Es ist schon deutlich geworden, dass die Tierwirtschaft teilweise anfälliger für Störungen ist als die Erzeugung pflanzlicher Nahrungsmittel. Generell gilt: Ernährungssicherheit hängt wesentlich davon ab, wie effizient ein System Ressourcen nutzt und wie flexibel es auf Störungen reagieren kann.
Die aktuelle Tierindustrie ist im Hinblick auf die Nutzung von Ressourcen ineffizient: Insbesondere der Anbau von Futter beansprucht Ackerflächen und Düngemittel, mit denen man stattdessen mehr Nahrungsmittel direkt für Menschen produzieren könnte. Aber auch lange Transportwege für Futter und lebende Tiere, energieintensive Verarbeitung wie z. B. in Molkereien und dauerhafte Kühlung bedeuten einen hohen Energiebedarf. Es gibt erste Belege dafür, dass die Inflation bei Tierprodukten bereits heute stärker zuschlägt als bei pflanzlichen Nahrungsmitteln – auch durch Klima- und Energiepreiseffekte.
Auch in akuten Krisen sind wir durch die Abhängigkeit von der Tierhaltung aktuell nicht ideal aufgestellt: Fällt die Tierhaltung zum Beispiel durch einen längeren Stromausfall teilweise aus, lässt sich der Bedarf kurzfristig kaum decken, wenn die pflanzliche Produktion – insbesondere von Hülsenfrüchten, Nüssen, Obst und Gemüse – strukturell unterentwickelt ist.
Eine Ernährungswende hin zu pflanzenbetonten Ernährungsweisen kann die Verwundbarkeit in Krisen deutlich verringern und zugleich einen höheren, gesundheitsorientierten Selbstversorgungsgrad ermöglichen.
Wenn weniger tierische Produkte konsumiert werden, sinkt die Abhängigkeit von klimatisch sensiblen Grünlandflächen und futterintensiven Stallhaltungssystemen, die stark auf Strom, Wasser und globale Futtermittelimporte angewiesen sind. Ebenso sinkt der Bedarf an externem Dünger.
Gleichzeitig wird Fläche frei, die für den Anbau von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen genutzt werden kann – also von Lebensmitteln, bei denen Deutschland bislang schlecht aufgestellt ist, die aber für Gesundheit und Chancengerechtigkeit beim Zugang zu guter Ernährung zentral sind. Ein stärkerer Anbau von Hülsenfrüchten verringert zusätzlich den Bedarf an Stickstoffdünger, weil diese Pflanzen Stickstoff aus der Luft in den Boden bringen.
Mehr direkte pflanzliche Ernährung erlaubt insgesamt, pro Hektar mehr Menschen zu versorgen und Ernteausfälle besser abzufedern. Zugleich würden weniger Emissionen und Umweltschäden entstehen, was zur dauerhaften Nachhaltigkeit und Resilienz beiträgt.
Es ließen sich zudem für die öffentliche Hand massiv Kosten einsparen: Aktuell fließen hunderte Millionen Euro in den Umbau von Ställen. Dutzende Millionen Euro an Kosten verursachen Tierseuchen für die Bundesländer. Ein Großteil der EU-Agrarsubventionen fließt in die Tierhaltung. All dieses Geld ließe sich für die Ernährungssicherheit besser investieren: Zum Beispiel durch die Unterstützung von Betrieben, die aus der Tierhaltung auf klimaangepassten Pflanzenbau umsteigen.
Ein pflanzenbasiertes Ernährungssystem hätte also nicht nur Vorteile für Umwelt, Klima, Tierschutz und Gesundheit. Es wäre darüber hinaus deutlich resilienter und krisenfester und würde so mehr Sicherheit und Gerechtigkeit für die gesamte Bevölkerung schaffen.
Ein Umbau des Ernährungssystems kommt, fair umgesetzt, auch den Landwirt*innen und Beschäftigten zugute. Sinnvolle Maßnahmen beschreiben wir u. a. in unserem Empfehlungspapier zum Chancenprogramm Höfe, im 10-Punkte-Plan für eine nachhaltige Ernährungswende in Niedersachsen und in unseren Artikeln im Projekt Medienimpulse für ein pflanzenbasiertes Ernährungssystem.
Neben der Verschiebung hin zu stärker pflanzenbasierten Ernährungsweisen gibt es zusätzliche sinnvolle Maßnahmen, um Ernährungssysteme mittelfristig gerechter und krisenfester zu gestalten.