Ernährungspolitik für eine nachhaltige und gesunde Ernährung: Wie gelingt sie?

Eine gerechte Ernährungspolitik könnte effektiv Umwelt- und Gesundheitsziele erreichen. Stephanie Wunder von Agora Agrar erklärte in unserem Faba Talk, wie bereits erprobte Politikinstrumente zusammenwirken müssten, damit die Transformation zu einem gerechten Ernährungssystem gelingt – und wie zivilgesellschaftliche Allianzen dazu beitragen können.
Teilen auf

Stephanie Wunder leitet das Team „Nachhaltige Ernährung“ bei der Denkfabrik Agora Agrar und ist Expertin für nachhaltige Ernährungssysteme und Landnutzungspolitik. Gemeinsam mit einem Kollegen von der französischen Denkfabrik IDDRI analysierte sie in einer im Mai 2025 veröffentlichten Studie die Notwendigkeiten, Herausforderungen und Chancen einer erfolgreichen Ernährungspolitik in der EU. In unserem Faba Talk im November 2025 stellte sie die Studie vor

Bild von Stephanie Wunder
Stephanie Wunder

Faire Ernährungsumgebungen machen gesunde und nachhaltige Ernährung attraktiv, erschwinglich und leicht verfügbar

Noch immer denken viele Menschen, Ernährung sei eine rein individuelle Entscheidung. Doch die Forschung zeigt inzwischen deutlich, dass die äußeren Umstände enorm beeinflussen, wie Menschen sich ernähren. Diese Umstände nennt man „Ernährungsumgebungen“. Dabei geht es zum Beispiel darum, wie in einer Kantine verschiedene Gerichte platziert werden, welche Produkte im Supermarkt wie viel kosten oder für welche Lebensmittel Werbung gemacht wird. Faire Ernährungsumgebungen machen gesunde und nachhaltige Lebensmittel attraktiv, leicht verfügbar und erschwinglich und helfen uns so dabei, diese mehr zu konsumieren.

Ernährungsumgebungen fairer zu gestalten sei Aufgabe der Politik, sagt Stephanie Wunder. Entsprechende politische Maßnahmen könnten effektiv dazu beitragen, gesellschaftlichen Herausforderungen in den Bereichen Klima und Umwelt, Gesundheit und sozialer Gerechtigkeit zu begegnen. Allerdings werde ihr großes Potential nicht ausgeschöpft.

In ihrem Vortrag verwies Stephanie Wunder auch auf die Ernährungsarmut, welche in Deutschland weit unterschätzt würde und gravierende soziale und gesundheitliche Folgen für viele Menschen verursache. Die Politik müsse hier dringend gegensteuern.

Grafische Darstellung: Die vier Dimensionen und politischen Ansätze, wie Ernährungsumgebungen Einfluss auf die Ernährug nehmen
Schaubild aus Stephanie Wunders Vortrag

Ernährungsumgebungen können in vier Dimensionen beschrieben werden: Verfügbarkeit (physisch), Erschwinglichkeit (ökonomisch), Attraktivität (sozio-kulturell), und das Vorhandensein von Informationen (kognitiv). Politische Maßnahmen müssen laut Wunder auf diese vier Dimensionen einwirken, damit Ernährungsumgebungen fairer gestaltet sind – und so allen Menschen die Wahl von gesunden, nachhaltigen Lebensmitteln erleichtern.

Einzelne Maßnahmen führen in europäischen Ländern schon zu Erfolgen

Welche konkrete politische Maßnahmen gibt es also? Und können diese wirksam faire Ernährungsumgebungen gestalten? Beispiele aus verschiedenen europäischen Ländern zeigen bereits, was machbar ist – und bieten Inspiration dafür, wie auch in Deutschland eine gezielte Ernährungspolitik die Ernährungswende voranbringen könnte.

In Finnland zum Beispiel klären nationale Kampagnen über gesunde Ernährung auf (Informationen). Auch die Niederlande vermitteln in Form von Kampagnen soziale Normen zur Vermeidung von Essensabfällen (Attraktivität). Andere Länder setzen auf verpflichtende Maßnahmen: Portugal schreibt öffentlichen Kantinen vor, täglich pflanzenbasierte Mahlzeiten anzubieten (Verfügbarkeit) und Großbritannien erhebt eine Steuer auf ungesunde Lebensmittel wie Softdrinks (Erschwinglichkeit). Allerdings wirken diese Maßnahmen bisher nur auf einzelne Dimensionen der komplexen Ernährungsumgebungen.

Wichtig für den Erfolg: Verschiedene Fachbereiche und Politikebenen müssen sich besser abstimmen

Jedes Land, und auch die EU, sagt Stephanie Wunder, brauche daher eine übergreifende ernährungspolitische Strategie. Diese müsse die Ernährungspolitik horizontal integrieren, also verschiedene Fachbereichen wie Agrar, Gesundheit, Sozial und Finanzpolitik zusammen denken und proaktiv einbinden.

Diese Komplexität habe auch Vorteile: Eine gute ernährungspolitische Strategie könnte Synergieeffekte nutzen. Um dies zu erreichen, brauche es übergreifende Gremien und Prozesse, fordert Agora Agrar in der Studie, zum Beispiel in Form einer nationalen Ernährungsstrategie. Eine solche gibt es zwar in Deutschland schon, aber damit sie effektiv wirken könnte, müsse sie mit messbaren Zielen, Budgets und Handlungsoptionen ausgestattet sein, betont Wunder.

Zusätzlich fordert Agora Agrar, dass EU, Bund, Länder und Kommunen stärker zusammenarbeiten, um politische Maßnahmen besser vertikal, also von unten nach oben, zu integrieren. Ein gemeinsamer Rahmen für koordinierte Ernährungspolitik würde es der Politik ermöglichen, effektive Maßnahmenpakete zu schnüren. Ein weiterer wichtiger Hebel dafür sei eine bessere Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren.

Mit klugen zivilgesellschaftlichen Allianzen eine integrierte Ernährungspolitik fordern

Für zivilgesellschaftliche Initiativen ergibt sich hieraus ein wichtiger strategischer Hinweis: Stephanie Wunder glaubt, Akteure aus den verschiedenen Fachbereichen können durch kluge Allianzen eine wirksame Bewegung aufbauen. Teil dieser Bewegung könnten zum Beispiel Lokalpolitiker*innen, Gewerkschaften und Organisationen sein, die sich gegen Armut und für Verbraucher*innen einsetzen, aber auch Akteure aus dem Finanz- oder Gesundheitswesen.

In der Studie haben Stephanie Wunder und ihr Team auch untersucht, welche Prozesse erfolgreich zur Umsetzung der verschiedenen Maßnahmen geführt haben. Als wichtig erwiesen sich hier gemeinsame Forderungen und geschickte Kommunikation in Beteiligungsprozessen, die der Politik eine breite Unterstützung für nachhaltige und faire Ernährungspolitik signalisierten. Damit solche Allianzen entstehen, brauche es gemeinsame Anlässe zum Austausch, empfahl Stephanie Wunder.

Damit die sektorenübergreifende Arbeit gelinge, sei es zudem wichtig evidenzbasiert und sensibel zu kommunizieren, betonte Stephanie Wunder im Vortrag. Neue Allianzen zu bilden funktioniere am besten, indem positive Anreize und gemeinsame Werte betont würden, statt auf Verzichtsnarrative zu setzen. Zum Beispiel habe sich bewährt, MEHR Gemüse und Hülsenfrüchten in der Ernährung zu fordern – ein Ziel, hinter dem sich verschiedene Akteure sammeln könnten.

Engagement und kommunale Politik können Wandel vor Ort erreichen

In der Diskussion nach dem Faba Talk beteiligten sich auch Aktive aus pflanzenbasierten Quartierskantinen. Das Konzept denkt soziale Teilhabe, Ernährungsarmut und nachhaltige Ernährung zusammen – ein Ansatz, den Stephanie Wunder als positives Beispiel erfolgreicher Integration und Zusammenarbeit lobte.

Gerade vor Ort, also auf kommunaler und regionaler Ebene, gebe es wichtige Wirkhebel, bekräftigte Stephanie Wunder. Auf städtischer und kommunaler Ebene finde sich trotz begrenzter Ressourcen ein breites Spektrum an Handlungsoptionen: von der Reduktion von Lebensmittelverschwendung bis zur Förderung einer stärker pflanzenbasierten öffentlichen Verpflegung. Wo können sich Initiativen über Herausforderungen und gelungene Beispiele austauschen? Dafür verwies Stephanie Wunder auf Initiativen wie den Milan Pakt, einen Zusammenschluss von Kommunen und Städten für die Ernährungswende.

Auch in der Diskussion nach unserem Faba Talk kamen Menschen ins Gespräch, die sich bereits in verschiedenen Initiativen, Ernährungsräten und Verbänden lokal engagieren. Uns beschäftigten unter anderem die Fragen: Wo öffnen sich politische Fenster für sinnvolle Maßnahmen? Können Kommunen in Zeiten von Finanznot überhaupt relevante Maßnahmen umsetzen?

Stephanie Wunders Tipp: Zivilgesellschaftliche Akteure wie Initiativen vor Ort und Ernährungsräte können beispielsweise Kommunalpolitiker*innen beraten, aber auch eine bereichsübergreifende Politik fordern. Häufig habe es sich bewährt, engagierte Einzelpersonen in Institutionen zu finden und diese gezielt zu unterstützen oder durch sensible Kommunikation neue Partner zu gewinnen.

Unser Fazit

Auch wenn es oft den Anschein hat, der Wandel würde zu langsam verlaufen, hat uns der Vortrag Mut gemacht, genauer hinzusehen. Welche Maßnahmen haben schon Erfolg? Welche neuen Allianzen könnten wir bilden, um politischen Forderungen Druck zu verleihen? Es motiviert uns zu wissen, dass immer mehr Akteure aus den verschiedensten Bereichen gemeinsam eine stärker pflanzenbasierte Ernährung voranbringen.

Online-Veranstaltungen

Faba Talks

Unsere Online-Veranstaltungsreihe zur Transformation des Ernährungssystems: Die Faba Talks bieten mit Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen einen Raum, um Wissen zu teilen, neuen Input zu gewinnen und Fragen zu stellen. Und das alles ganz gemütlich von zu Hause aus.

Weitere Blogbeiträge

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner