Netzwerk

Sowohl für den Betrieb eurer Quartierskantine als auch für die damit verbundene politische Arbeit könnt ihr viel erreichen, indem ihr ein starkes Netzwerk knüpft. Ihr könnt aktiv Kontakt suchen zu Personen oder Institutionen, wenn ihr einen konkreten Bedarf habt und damit direkt etwas erreichen wollt. Und ihr könnt Kontakte langfristig aufbauen und pflegen, in der weisen Voraussicht, dass ein Moment kommen mag, an dem ihr plötzlich genau wisst, wen ihr anrufen könnt.

In diesem Kapitel beleuchten wir verschiedene Bereiche der Quartierskantine und geben euch Ideen, mit wem und wie ihr euch vernetzen könnt.

Nachbarschaft #

Die Vernetzung der Nachbarschaft bildet eine zentrale Säule der Quartierskantine. Wenn eure Kantinen-Initiative aus einer bestehenden Struktur entsteht, verfügt ihr bestimmt bereits über ein Netzwerk – wenn nicht, sollte das Vernetzen in der Nachbarschaft ganz oben auf eurer Prioritätenliste stehen. Denn: An vielen Stellen in diesem Werkzeugkasten werden wir darauf zurückkommen, dass Kontakte in der Nachbarschaft sehr hilfreich sein können – beispielsweise zur Gewinnung von Mitstreiter*innen, um Lebensmittel zu retten oder um Anliegen in den Ortsbeirat zu tragen.

Lebensmittel #

Regionale Lieferketten

Mit dem Aufbau regionaler Lieferketten und direkten Beziehungen mit Lebensmittelerzeuger*innen könnt ihr eine Menge erreichen:

  • Aufbau sozialer Beziehungen statt nur marktvermittelter Transaktionen
  • Einsparung von Transportwegen
  • Einsparung der Margen des Handels – Win-Win für Erzeuger*innen und Quartierskantine
  • Schaffung regionaler Absatzmöglichkeiten für pflanzenbasierte Produkte
  • Sichtbarmachung einer vielfältigen regionalen Ernährungslandschaft
  • Beitrag zur Dezentralisierung und damit Resilienz des Ernährungssystems
  • Vergünstigte Abnahme und Rettung von Lebensmitteln, die nicht den Kriterien des Lebensmitteleinzelhandels entsprechen

Um direkt mit einzelnen Landwirt*innen und verarbeitenden Betrieben in Kontakt zu kommen, könnt ihr beispielsweise auf einem Wochenmarkt in der Region direkt das Gespräch suchen. Auch eine Internetrecherche ergibt schnell erste Adressen für lokale und ökologische Betriebe. Vielerorts gibt es regionale Netzwerke von Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung, beispielsweise Anbauverbände oder Ernährungsräte, an die ihr euch wenden könnt.

Rettung von Lebensmitteln

Foodsharing ist sicherlich vielen schon ein Begriff: Auf der gleichnamigen Internetplattform organisieren sich Freiwillige, um gemeinsam Lebensmittel zu retten und zu verteilen. Retten meint hierbei das Einsammeln noch genießbarer Lebensmittel, die sonst in der Abfalltonne gelandet wären; oftmals in Supermärkten.

Foodsharing-Ortsgruppen gibt es inzwischen in vielen Regionen Deutschlands und wir empfehlen, dass ihr eure Quartierskantine mit Foodsharing vernetzt.

Karte aller Foodsharing-Ortsgruppen in Deutschland, Stand 22.10.2025 (Nachbau)

Es ist auch möglich, unabhängig von Foodsharing Lebensmittel zu retten. Eigentlich braucht es nicht viel mehr als eine*n Erzeuger*in oder ein Lebensmittelgeschäft, die bereit sind euch Lebensmittel abzugeben, die sie nicht mehr verkaufen. Fragt direkt im nächstgelegenen Supermarkt oder bei Landwirt*innen im Nachbarort. Viele Landwirt*innen sind froh, wenn sie mühsam produzierte Lebensmittel nicht in den Acker unterpflügen müssen, sondern diese noch genossen werden.

Was sich auch lohnt: bei überregionalen Herstellern von pflanzenbasierten Produkten wie Tofu, Sojagranulat oder Pflanzenmilch anzufragen, ob diese unentgeltlich Produkte abgeben. Denn in aller Regel bewahren Lebensmittelunternehmen sogenannte Rückstellproben ihrer Produkte auf, mit denen der Betrieb später nachweisen kann, dass seine Ware einwandfrei war – etwa, falls es zu einer Erkrankung von Verbraucher*innen kommen sollte. Werden die Rückstellproben nicht mehr benötigt, werden sie in der Regel entsorgt – auch wenn sie noch einwandfrei sind. Neben Rückstellproben werden Produkte auch abgegeben, wenn es bei der Bedruckung der Verpackungen zu Fehlern kam oder es weniger ansehnliche Randstücke gibt. Es kann sein, dass ein Betrieb größere Gebinde bis mehrere Tonnen auf einmal loswerden muss. Nachfragen lohnt sich also, insbesondere wenn ihr auch mit anderen Kantinen vernetzt seid und solche Mengen unter euch aufteilen könnt.

Hier gilt es, ein besonderes Augenmerk auf die Vorschriften zu Hygiene und Rechtlichem zu legen. Die wichtigsten Infos zum Umgang mit geretteten und gespendeten Lebensmitteln haben wir im Abschnitt „Küchenhygiene“ ausgeführt.

Private Gärten

Wer selbst gärtnert, kennt das Phänomen: Irgendwann im Sommer kommt der Punkt, an dem gefühlt plötzlich alle Pflanzen auf einmal erntereif sind. Zucchini-Welle, Tomaten-Schwemme, der Salat schießt schon. Aber auch später im Jahr, im Herbst: Die Obstbäume hängen voll mit Äpfeln und Birnen, aber nicht alle kommen mit dem Verarbeiten hinterher.

Das ist eine gute Gelegenheit, kostenlos an frisches regionales Gemüse und Obst zu kommen. Gebt bekannt, dass ihr gerne bereit seid, überschüssiges Erntegut anzunehmen und ggf. auch selbst bei der Ernte zu helfen.

Ehrenamt #

Vielleicht verfügt eure Quartierskantine über eine oder mehrere hauptamtliche Personalstellen, aber in jedem Fall ist ehrenamtliches Engagement im Rahmen von Selbstorganisation oder Partizipation zentral für das Konzept. Quartierskantinen können Menschen zusammenbringen, vernetzen und ermächtigen.

An der Stelle zum Verständnis eine kurze Abgrenzung der Begriffe Selbstorganisation und Partizipation: Das lässt sich ganz gut mit der „Leiter der Partizipation“ von Sherry Arnstein veranschaulichen.

Leiter der Partizipation von Sherry Arnstein (Nachbau)

Wir sehen: Partizipation lässt sich anhand eines Spektrums beschreiben. Sie besteht, wenn Gruppenmitglieder Mitbestimmungsrechte, teilweise Entscheidungskompetenz oder gar Entscheidungsmacht innehaben. Der Grad der Partizipation wird in der genannten Reihenfolge dieser Kompetenzen immer umfangreicher. Auch wichtig: Selbstorganisation geht über Partizipation hinaus.

Quartierskantinen können unterschiedliche Grade an Selbstorganisation oder Partizipation aufweisen. Daraus ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten der ehrenamtlichen Mitarbeit – und verschiedene Ansätze, potentielle Ehrenamtliche anzusprechen und zu gewinnen.

In der Kantine für Alle in Kassel sieht das ungefähr so aus:

  • Die niedrigschwelligste Möglichkeit: als Gäst*in spontan helfen, den Gästeraum aufzuräumen. Das erfordert keine Anmeldung und keine Verpflichtung, ist trotzdem hilfreich und kann Lust auf mehr machen.
  • Nächstes Level Schicht übernehmen: Hier kommt es bereits auf Verlässlichkeit an, aber mensch geht noch kein langfristiges Commitment ein.
  • Arbeit mit Lebensmitteln: Um auch in der Küche oder bei der Essensausgabe mit anpacken zu können, ob spontan oder via Schichtplan, braucht es etwas Vorleistung (siehe Abschnitte zu Lebensmittelbelehrungen).
  • Kochschicht übernehmen: In diesem Level kommt nun einiges an Verantwortung dazu – die Gäst*innen erwarten schließlich um 18 Uhr ein leckeres Essen. Die Aufgabe erfordert Übung, Vorbereitung und Resilienz in stressigen Situationen – wobei es auch okay ist, wenn mal nicht alles rund läuft!
  • Plenums-Teilnahme: Das wöchentliche Plenum ist offen für alle Interessierten – oftmals kommen aber dieselben Menschen. Der Zeitaufwand ist nochmal deutlich höher und alle Teilnehmer*innen teilen sich die Verantwortung für getroffene Entscheidungen.

Mit jeder Stufe nehmen die Hürden zu und es beteiligen sich weniger Menschen. Die Erfahrung zeigt, dass es vielen Menschen entgegen kommt, ohne darüber hinausgehende Verpflichtungen flexibel Schichten über einen Schichtplan zu übernehmen.

Wir möchten euch an dieser Stelle ein paar Ideen aufzeigen, wo ihr potentielle Freiwillige ansprechen könnt:

  • Freiwilligen-Portale: Diese gibt es sowohl überregional als auch in vielen Städten und Regionen. Suchen Menschen online nach Möglichkeiten des Engagements, stoßen sie meist schnell auf solche Websites. Ein Profil für eure Quartierskantine ist dort oft schnell erstellt – und macht euch für viele Interessierte auffindbar.
    Einen Überblick über verschiedene digitale Engagementplattformen findet ihr auf der Website der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt
  • Nachbarschaftsläden
  • Sportvereine
  • Religiöse Gemeinden

Andere solidarische Kochprojekte vor Ort #

Vielleicht gibt es bei euch in der Region bereits weitere Quartierskantinen oder andere solidarische Kochprojekte wie KüfAs, Schnippeldiskos und Mitbringbrunchs. Sich untereinander zu vernetzen kann viele Möglichkeiten eröffnen: sich gegenseitig Tipps zu geben bei der regionalen Lebensmittelbeschaffung, untereinander überschüssige Produkte abzugeben, oder auch gemeinsam politische Forderungen aufzustellen und Kampagnen dafür zu organisieren.

In Frankfurt beispielsweise ist so die Initiative „Ernährungsgerechtigkeit jetzt – Kommunale Stadtteilküchen für Frankfurt!“ entstanden.

Vernetzung mit lokalen politischen Parteien #

Viele Probleme erfordern politische Lösungen, beispielsweise die soziale Ungerechtigkeit und der Leerstand in Innenstädten. Wenn ihr politische Kampagnen machen wollt, kann es sehr nützlich sein, über Kontakte in lokalen politischen Parteien zu verfügen. Manche politische Parteien werdet ihr eher als Teil des Problems, andere vielleicht als Teil der Lösung oder zumindest als konstruktiv wahrnehmen.

In den meisten Parteien gibt es Leute, mit denen man vernünftig sprechen kann. Solche Kontakte können helfen, um Hintergrundinformationen zu erhalten, Einschätzungen zu Forderungen einzuholen oder Druck aufzubauen.
Vielleicht ist in eurer Initiative eine Person mit Parteibuch, dann könnte das ein Ansatz zur Vernetzung sein. Oder ihr kennt eine Person aus dem Gemeinde-, Stadt- oder Ortsbeirat. Oder ihr recherchiert auf der Website, welche Partei eine passende Arbeitsgemeinschaft hat und schreibt dorthin eine E-Mail.

Überregionale Vernetzung #

Quartierskantinen sind verortet im Lokalen, aber es macht Sinn sich auch überregional zu vernetzen. In Netzwerken mit Quartierskantinen in anderen Regionen könnt ihr euch auf Augenhöhe über Herausforderungen und bewährte Ansätze austauschen und könnt euch gegenseitig beispielsweise über neue geeignete Fördertöpfe informieren. Für diesen Zweck gibt es bereits eine bundesweite Mailingliste, bei Interesse könnt ihr uns (Faba Konzepte) kontaktieren.

Auch im Hinblick auf die politische Dimension von Quartierskantinen ist eine überregionale Vernetzung sinnvoll: Viele der Probleme, die uns zu unseren Initiativen motivieren, erfordern politische Lösungen, nicht selten auf nationaler Ebene. Wir können uns in bundesweite Kampagnen einbringen, um Druck für die nötige sozial-ökologische Ernährungswende aufzubauen. Es gibt bereits eine Reihe von Bündnissen, denen ihr euch anschließen könntet, wie zum Beispiel den Bündnissen „Wir Haben Es Satt“ oder „Good Food for All“.

Im Rahmen unseres Projekts „Quartierskantinen für Klimaschutz und sozialen Zusammenhalt“, aus dem auch dieser Werkzeugkasten hervorgegangen ist, führen wir auch immer wieder überregionale Vernetzungsveranstaltungen durch. Abonniert gerne unseren Newsletter, um über anstehende Veranstaltungen und weitere News rund um Quartierskantinen auf dem Laufenden zu bleiben.

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