Im Abschnitt zur Gründung von Quartierskantinen wurden bereits zentrale Aspekte von Gruppenstrukturen und -prozessen angesprochen. Diese werden im Folgenden aufgegriffen und für den praktischen Kantinenalltag konkretisiert.
Struktur und Entscheidungsfindung #
Abhängig von der personellen Grundstruktur eurer Quartierskantine ergeben sich unterschiedliche Herausforderungen im laufenden Betrieb, die wir bereits im Abschnitt „Die Grundlagen: Initiierung, organisatorische sowie rechtliche Struktur“ angerissen haben. Wird die Arbeit etwa zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen verteilt, kann es immer wieder zu Problemen kommen, dass „unliebsame Arbeiten“ konsequent bei den Hauptamtlichen hängen bleiben oder anders herum Ehrenamtliche sich in ihrem Engagement herabgesetzt fühlen, weil sie beispielsweise kaum oder gar nicht in Entscheidungsprozesse involviert werden.
Um solchen Unstimmigkeiten vorzubeugen, sind klare Zuständigkeiten und transparente Entscheidungswege zentral. Es sollte nachvollziehbar geregelt sein, welche Aufgaben durch Hauptamtliche und welche durch Ehrenamtliche übernommen werden. Möglich ist etwa, dass verwaltungstechnische Tätigkeiten (z. B. Buchhaltung, Postfach, Hygieneschulungen) im Hauptamt liegen, während Organisation und Durchführung der Kantinentermine sowie kreative Aufgaben ehrenamtlich getragen werden. Alternativ kann das Hauptamt primär eine koordinierende Rolle einnehmen.
Unabhängig von der konkreten Konstellation empfiehlt es sich, ein Kernteam zu benennen: einen Kreis von Personen, die sich regelmäßig engagieren können und Verantwortung für das Fortbestehen der Kantine übernehmen. Dieses Kernteam sollte eng in Entscheidungsprozesse eingebunden sein. Auch falls formale Entscheidungsbefugnisse bei Vorstand oder Hauptamt liegen, sollten Entscheidungen nicht losgelöst vom Kernteam getroffen werden.
Für die Entscheidungsfindung kommen unterschiedliche Verfahren infrage, etwa Konsens-, Konsentoder Mehrheitsentscheidungen. Ist keine gemeinsame Lösung erreichbar oder der Zeitdruck hoch, kann eine Entscheidung durch Vorstand oder Hauptamt erfolgen – idealerweise auf Grundlage zuvor eingeholter Rückmeldungen aus dem Kernteam. Wichtig sind weniger konkrete Verfahren als die Nachvollziehbarkeit und Einbindung der relevanten Personen.
In allen Fällen lohnt es sich, ein regelmäßiges „Orga- Plenum“ zu veranstalten. Hier kann über vergangene und anstehende Aktionen sowie über organisatorische Gesprächsbedarfe geredet werden. Ein wöchentlicher Rhythmus bei ebenfalls wöchentlich stattfindenden Kantinen-Terminen ist in vielen Fällen sinnvoll; seltener stattfindende Treffen reichen meist nicht aus, um laufende Abstimmungen und Klärungsbedarfe aufzufangen.
Gruppen-Care und Organisation des Miteinanders #
Neben Organisation und Entscheidungsfindung spielen soziale Dynamiken eine zentrale Rolle für das Gelingen des Kantinenbetriebs. Für Motivation und langfristiges Engagement ist es wichtig, Erfolge sichtbar zu machen und Räume für ein positives Miteinander zu schaffen – etwa durch gemeinsame „Sozial-Events“, bei denen organisatorische Themen bewusst in den Hintergrund treten.
Gleichzeitig solltet ihr regelmäßig Gelegenheiten schaffen, um Unstimmigkeiten oder Konflikte im Team anzusprechen. Eigene Formate wie Sozial-Plena können helfen, Spannungen frühzeitig aufzufangen und außerhalb des laufenden Betriebs zu klären. Dadurch verringert ihr das Risiko von Eskalationen während der Kantinentermine.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Umgang mit Stress- und Belastungssituationen, die insbesondere in der Küche schnell entstehen können. Lärm, Zeitdruck, Enge, Hitze, Lichtverhältnisse oder sprachliche Hürden wirken auf Menschen sehr unterschiedlich. Auch individuelle Voraussetzungen – etwa körperliche, psychische, soziale oder neurologische Besonderheiten – beeinflussen, wie gut jemand mit diesen Situationen umgehen kann.
Um möglichst vielen Menschen eine Teilnahme zu ermöglichen, ist eine grundlegende Sensibilität im Team wichtig. Dazu gehören:
- klare Absprachen und Zuständigkeiten
- die Möglichkeit, Aufgaben außerhalb der Küche oder in ruhigeren Settings zu übernehmen
- Offenheit für unterschiedliche Bedürfnisse und Kommunikationsstile
Ziel sollte sein, allen Beteiligten einen Platz zu bieten, der ihren Möglichkeiten entspricht und Überforderung vermeidet. Die zugrunde liegende Haltung ist dabei klar: Die Kantine soll ein offener Ort sein, der Vielfalt respektiert und menschenfeindlichen Einstellungen keinen Raum gibt.
Ein weiterer praktischer Aspekt betrifft Kommunikationswege und -plattformen. Hier alle auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen ist quasi unmöglich. Die meisten werden sich wahrscheinlich noch dazu überreden lassen, etwa einen Messenger wie Signal auf ihrem Smartphone oder Computer zu installieren, andere wiederum besitzen weder das eine noch das andere und sind ausschließlich über Telefon zu erreichen. Dem System sind somit klare Grenzen gesetzt. Dennoch empfiehlt es sich, die Kommunikationsmöglichkeiten möglichst breit aufzustellen – ohne zu überfordern, versteht sich. Einen Mailverteiler; Messenger-Gruppen für z. B. Schichtplanung, Kernteam und sonstigen Austausch; ein oder zwei Telefonnummern, bei der sich offline lebende Personen informieren können; eine gemeinsame Cloud und eine Plattform zur Erstellung von Schichtplänen – dazu im nächsten Abschnitt mehr.
Konflikte und Unstimmigkeiten #
Um Konflikten präventiv zu begegnen, können Maßnahmen wie Workshops zu wertschätzender bzw. gewaltfreier Kommunikation genutzt werden. Teambulding-Formate können darüber hinaus dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und Missverständnisse zu reduzieren. Überforderung, Konflikte und Unstimmigkeiten sind jedoch trotz vieler Präventivmaßnahmen nicht vollkommen zu verhindern. Menschen sind keine Maschinen, haben mal einen schlechten Tag oder können sich einfach nicht riechen. Solche Momente können dann nicht immer „einfach“ auf andere Zeitpunkte wie etwa das Sozial-Plenum verschoben werden, sondern müssen gleich oder zeitnah gelöst werden, um den Betrieb am jeweiligen Termin zu ermöglichen.
Hilfreich können hier folgende Maßnahmen sein:
- flexible Schichtwechsel, sofern möglich
- kurze Gespräche außerhalb der Situation, mit Fokus auf aktivem Zuhören
- Time-outs: die betreffende Person (oder Personen) ziehen sich für einen Moment physisch zurück, um emotionale Zuspitzungen abkühlen zu lassen
- Awareness-Person: Personen mit deeskalierenden Fähigkeiten in potenziell kritische Schichten und während der Anwesenheit der Gäst*innen einbinden
Entscheidend ist weniger die perfekte Lösung als ein respektvoller Umgang, der Eskalationen vermeidet und Beteiligten ermöglicht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiter mitzuwirken.
Haltung nach außen #
Auch der Umgang mit Gäst*innen ist Teil der gruppenbezogenen Arbeit und sollte bewusst gestaltet werden. Dabei stellt sich unter anderem die Frage, ob die Kantine eher geschlossen und klar arbeitsteilig auftreten oder bewusst ihre Gäst*innen zur aktiven Teilnahme bewegen möchte.
Ein geschlossenes Auftreten erfordert klare Zugangszeiten, getrennte Team-Räume und die Akquise neuer Helfender außerhalb der Kantinentermine. Eine offene, partizipative Gestaltung ermöglicht hingegen, Gäst*innen aktiv am Prozess zu beteiligen. So könnt ihr beispielsweise nach Hilfe für das anschließende Aufräumen bitten, andere kleinere Aufgaben gemeinsam übernehmen oder einfach nette Gespräche führen.
Beide Ansätze haben unterschiedliche organisatorische Anforderungen. Ein nahbares Auftreten kann jedoch dazu beitragen, die Kantine als Ort der Begegnung und des gemeinsamen Handelns erfahrbar zu machen und sich bewusst von rein versorgungsorientierten Angeboten abzugrenzen.
Unabhängig davon, wie offen oder geschlossen der Kantinenbetrieb gestaltet ist, spielt Awareness gegenüber Gäst*innen eine zentrale Rolle. Einige Besucher*innen befinden sich möglicherweise in vulnerablen Lebenslagen oder bringen eigene Belastungen, Unsicherheiten oder Diskriminierungserfahrungen mit. Ein achtsamer, respektvoller Umgang sowie klare Grenzen für Verhalten tragen dazu bei, dass sich möglichst viele Menschen willkommen und sicher fühlen können. So ist es ratsam etwa menschenfeindliche Äußerungen schnell zu unterbinden.
Awareness bedeutet dabei aber auch, mit sogenannten „schwierigen Situationen“ sensibel umzugehen. Dazu gehören beispielsweise Gäst*innen, die aufgrund von Obdachlosigkeit, Krankheit oder fehlenden Rückzugsmöglichkeiten stark riechen oder Verhaltensweisen zeigen, die für andere unangenehm sein können. Solche Situationen erfordern besondere Umsicht, da sie schnell beschämend oder ausgrenzend wirken können.
Statt vorschneller Ausschlüsse braucht es hier – soweit möglich – respektvolle, nicht herabwürdigende Lösungen, etwa durch ruhige Einzelansprache, klare und transparente Kommunikation oder das Abwägen zwischen dem Schutz der Gemeinschaft und der Würde der betroffenen Person.