In diesem Abschnitt legen wir die Grundlagen für die Quartierskantine.
Initiierung #
Ganz am Anfang steht der initiale Impuls.
Am Beispiel der Kantine für Alle in Kassel: Auf dem ersten Arbeitstreffen des neu gegründeten Ernährungsrats haben die Mitglieder zusammen Ideen gesammelt, was sie denn nun konkret unternehmen könnten. Klar war: Eine gute Ernährung für alle lässt sich nicht allein durch individuelle Konsumveränderungen erreichen. Es braucht kollektive Lösungen – wie zum Beispiel eine Kantine für Alle! So entstand eine Arbeitsgruppe, die ein Konzept erarbeitete. Ziemlich genau ein Jahr nach AG-Gründung öffnete die Kantine für Alle zum ersten Mal.
Andernorts ist es die fixe Idee einer umtriebigen Aktivistin, einer Clique, der Leitung eines Stadtteilzentrums oder vielleicht eines städtischen Ausschusses. Sobald die Idee in der Welt ist, kann es jedenfalls losgehen.
Gruppenstruktur #
Hinweis: Wenn eure Quartierskantine aus einer bestehenden Struktur heraus entsteht, dann verfügt ihr wahrscheinlich bereits über eine etablierte Organisation und Kommunikation. Das Kapitel kann euch aber trotzdem nützliche Impulse geben.
Eine Quartierskantine zu gründen erfordert Teamwork. Und wahrscheinlich haben alle bereits gemischte Erfahrungen mit Teams gemacht: Manchmal klappt es gut, manchmal überhaupt nicht.
Es gibt bereits viele hilfreiche Ressourcen für effektive und angenehme Arten zusammenzuarbeiten. An dieser Stelle möchten wir Hinweise dazu geben, was speziell bei der Organisation von Quartierskantinen zu bedenken ist und was sich bereits bewährt hat.
Quartierskantinen können sehr unterschiedlich strukturiert sein. Manche Projektgruppen arbeiten hierarchiearm, organisieren möglichst vieles selbst und treffen Absprachen in offenen Plena. Bei anderen Quartierskantinen übernehmen hauptamtliche Strukturen die Organisation und Ehrenamtliche sind vor allem in der Ausführung involviert.
Quartierskantinen mit bezahlten Stellen
Es gibt gute Gründe, hauptamtliche Strukturen für eine Quartierskantine vorzusehen. Für bestimmte Aufgaben kann es sinnvoll sein, wenn eine Person verbindlich in Form einer Stelle zuständig ist. Und gute Arbeitsplätze für sinnstiftende Tätigkeiten zu schaffen, ist auch sinnvoll.
Allerdings können Personalkosten schnell zu den größten Ausgabenposten werden, darauf gehen wir im Finanzierungsabschnitt näher ein. Und zwei weitere Herausforderung ergeben sich durch die bezahlten Stellen: Einerseits kann es zu Abwertung der Leistung von Ehrenamtlichen führen, und andererseits kann es – gewollt oder ungewollt – dazu führen, dass sich Verantwortung bei Hauptamtlichen ansammelt und so ein Flaschenhals entsteht.
Quartierskantinen ohne bezahlte Stellen
Gemeinsam ehrenamtlich eine Quartierskantine zu starten, ist ein anspruchsvolles Unterfangen. Der Gründungsprozess dauert mehrere Monate, manchmal auch ein Jahr oder länger, und danach soll ja dauerhaft gekocht werden.
Für Gruppenprozesse ist es nicht ungewöhnlich, dass Neue dazustoßen und der eine oder die andere ausscheidet. Wichtig ist aber, dass ihr ein verbindliches Kernteam bildet. Dafür gilt zunächst: Klasse statt Masse – versucht nicht so viele Menschen wie möglich zu involvieren, sondern möglichst Menschen, die bereit sind dauerhaft verlässlich mitzuarbeiten.
Für Interessierte könnt ihr von Anfang an Formate schaffen, wie sie auch unverbindlich das Projekt verfolgen und unterstützen können – beispielsweise über Social Media, einen Newsletter oder durch Veranstaltungen, auf denen ihr vom aktuellen Planungsstand berichtet und vielleicht auch testweise kocht. So könnt ihr ein Netzwerk aufbauen, ohne euch im Kernteam zu verzetteln. Später könnt ihr auf dieses Netzwerk zurückgreifen, wenn es gilt zu schnippeln, zu kochen und aufzuräumen.
Wertvoll ist es, wenn ihr ein vielfältiges Kernteam bildet. Wenn Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Fähigkeiten und Interessen zusammenkommen, kann eine besonders fruchtbare Struktur entstehen. Nicht immer gelingt das von Anfang an, dann solltet ihr es im weiteren Prozess angehen.
Sicherlich haben die einzelnen Team-Mitglieder unterschiedliche Ideen, wie die Quartierskantine gestaltet werden könnte. Auf den Prozess, wie ihr ein gemeinsames Zielbild erarbeitet, gehen wir im Abschnitt „Eigenes Kantinen-Modell konzipieren“ ein. Es kann sein, dass im Kernteam auch unterschiedliche Werte vertreten sind. Ein Beispiel: Manchen könnte es sehr wichtig sein, dass keine Tierprodukte verwendet werden, andere legen Wert auf Autonomie und Freiheit bei der Auswahl von Gerichten sowie Zutaten. Das kann während der Vorbereitungen noch nebeneinander stehen, aber spätestens wenn es ans Kochen geht, wird es aufkommen.
Daher solltet ihr zu Beginn ein gemeinsames Selbstverständnis erarbeiten. Stehen sich Werte gegenüber, die auf den ersten Blick nicht vereinbar scheinen, kann dieser Prozess herausfordernd sein. Aber es lohnt sich, früh darüber zu sprechen – je später solche möglichen Konflikte thematisiert werden, desto größer die Gefahr, dass das ganze Projekt an unvereinbaren Werten scheitert.
Außerdem empfiehlt es sich, soziale Strukturen zu etablieren:
- Awareness-Strukturen für den Umgang mit Übergriffen
- Sozialstrukturen für den Umgang mit Konflikten oder Spannungen, bspw. Sozialplena, Workshops für gute Kommunikation, Mediation
- Gemeinsam essen, gemeinsam feiern – das stärkt Lust und Zusammenhalt
Entscheidungsfindung #
Ständig gilt es, irgendetwas zu entscheiden: Welchen Raum nutzen wir? Was beantragen wir bei dem Förderprogramm, dessen Einreichungsfrist naht? Was kochen wir nächste Woche?
Doch wer entscheidet wann und wie worüber?
In eingespielten Teams braucht es für viele Fragen keine förmliche Absprache. Oftmals können Mitglieder oder Arbeitsgruppen, die dafür das Vertrauen der Gesamtgruppe genießen, sich nach bestem Wissen und Gewissen darum kümmern. Aber in jedem Fall braucht es transparente Formate, bei denen offene Themen besprochen, Aufgaben delegiert und größere Entscheidungen getroffen werden.
Es kann verschiedene Formate geben, zu denen auch digitale Tools gehören, beispielsweise Chats oder Online-Plattformen wie https://wechange.de. Für viele Gruppen empfiehlt sich ein regelmäßiges Plenum in Präsenz. Der Turnus ist abhängig von eurem Konzept. Bei Quartierskantinen mit wöchentlichen Veranstaltungen ist auch ein wöchentliches Plenum sinnvoll. Hierfür braucht es auch Räumlichkeiten – perspektivisch idealerweise am selben Ort, an dem auch gekocht wird. Der Frage der Räumlichkeiten widmen wir an anderer Stelle einen eigenständigen Abschnitt.
Für die Entscheidungsfindung selbst müsst ihr euch auf ein Vorgehen einigen. Wollt ihr Entscheidungen etwa im Konsens1 treffen oder im Konsent oder mit absoluter oder relativer Mehrheit? Oder entscheidet der Vorstand? Diese Vorgehen haben meistens Vor- und Nachteile, die ihr innerhalb eurer Gruppe abwägen müsst.

Kommunikation #
Mailingliste, Forum, Slack, Whatsapp, Telegram, Signal. Zwei Menschen, drei Meinungen zum besten Tool. Es gibt nicht das eine Kommunikationsmedium, das für alle zu empfehlen ist.
Um euch für ein Tool zu entscheiden, könnt ihr euch fragen:
- Was sind Bedürfnisse bei der Kommunikation innerhalb der Gruppe? (Einfache Handhabung, viele Funktionen, Abgrenzung von „privater“ Kommunikation, …)
- Mailverteiler, Signal-Gruppen, etc.: Was passt zu euch? Wer kann teilhaben, wer nicht?
Rechtsform und Trägerschaft #
Wo Geld fließen soll, braucht es in der Regel ein Konto. Es ist grundsätzlich möglich, Einnahmen und Ausgaben für kleinere Quartierskantinen-Projekte über private Konten und Kassen abzuwickeln. Aber um eine Quartierskantine richtig aufzuziehen, solltet ihr euch eine rechtliche Form zulegen, denn nur dann könnt ihr ein offizielles Konto für das Projekt nutzen.
Die wahrscheinlich verbreitetste Rechtsform ist der Verein. Ein Verein ist rechtlich gesehen ein Zusammenschluss von Personen, die gemeinsam einen Zweck verfolgen – beispielsweise eine Quartierskantine zu betreiben. Wenn der Verein nachweislich bestimmte Kriterien erfüllt, etwa nicht der Bereicherung der Mitglieder dient und bestimmte anerkannte Zwecke verfolgt, kann ein Verein die Gemeinnützigkeit beantragen. Die Gemeinnützigkeit öffnet die Tür für viele Fundraising-Optionen, die sonst nicht nutzbar wären.
Neben einem Verein kommen auch weitere Rechtsformen in Frage, beispielsweise eine Genossenschaft oder eine gemeinnützige GmbH. Sie können im Vergleich zum Verein weitere Möglichkeiten zur Mittelbeschaffung eröffnen, aber erzeugen in der Regel auch mehr organisatorischen Aufwand.
Es gibt grundsätzlich zwei Optionen, wie ihr für eure Quartierskantine an eine sogenannte juristische Person kommt, wie die verschiedenen Rechtsformen auch bezeichnet werden. Erstens: Ihr gründet speziell für euch eine eigene Organisation. Zweitens: Ihr sucht eine bestehende Organisation, die für euch als rechtlicher Träger fungiert. Solche Träger können beispielsweise lokale Stadtteilzentren, Ernährungsräte, soziale Träger oder Kulturinitiativen sein. Schaut einfach, welche Vereine und Institutionen es in eurer Stadt oder Gemeinde gibt und mit wem ihr Schnittmengen habt.
Beide Varianten haben Vor- und Nachteile: Eine eigene Organisation gibt euch viele Freiheiten, aber der Aufwand für die Gründung und den Betrieb einer juristischen Person sollte nicht unterschätzt werden. Ein rechtlicher Träger kann euch einigen Aufwand abnehmen, im Gegenzug müsst ihr aber vielleicht Zugeständnisse bei der Ausgestaltung eurer Quartierskantine machen oder eine Verwaltungskostenpauschale zahlen.
Ihr könnt auch zweigleisig fahren: eure Quartierskantine zunächst in Kooperation mit einem rechtlichen Träger starten und parallel die Gründung einer eigenen Organisation vorbereiten. Eine etablierte Struktur kann euch eine Anschubunterstützung geben, vielleicht sogar ein gewisses Startkapital bereitstellen. Vielleicht könnt ihr ja einen Stadtteilverein oder den lokalen Ernährungsrat von eurer Idee überzeugen.
Je nach Rechtsform gibt es wiederum verschiedene Auswirkungen auf eure finanziellen Möglichkeiten. Beispielsweise gelten für gemeinnützige Vereine andere Obergrenzen zur Umsatzsteuer als für eine GmbH. Darauf gehen wir im Abschnitt „Finanzierung“ noch einmal genauer ein.
Im Anhang findet ihr:
1: Begriffserklärungen zu Konsens und Konsent sowie weiterführende Informationen zur Entscheidungsfindung in hierarchiearmen Strukturen finden sich beispielsweise im Handbuch „Organisiert euch! Zusammen die Stadt verändern“ von Urban Equipe und Kollektiv Raumstation. https://organisiert-euch.org/media/pages/home/775308893e-1607936819/organisiert-euch_das-handbuch.pdf#page=55